Sie hatte ja gewußt, daß der Tag irgendwann kommen würde. Nach mehreren Jahren in der Position in China war es nun so weit, die Entscheidung war getroffen und nur noch wenige Monate trennten sie von dem Flieger nach Deutschland, dorthin wo auch ihr Mann eine neue berufliche Position gefunden hatte.
Die Mitteilung an die Mitarbeiter hatte sie gerade beendet. Wie würde das Büro wohl reagieren? War es nicht eine gute Zeit der Zusammenarbeit gewesen, in der sie für jeden Mitarbeiter und die Kammer immer nur das Beste gewollt hatte? Natürlich hatte es auch schwere Zeiten gegeben und das eine oder andere harte Wort hatte die Seite gewechselt. Aber letztendlich würde das Team sie für ihre fachliche Kompetenz und auch für ihre menschliche Seite schätzen. So wie Ihr Kronprinz, der nun ihren Sessel einnehmen sollte. Mit einer kurzen Bewegung drückte sie auf „Senden“.
Gespannt lauschte sie in den Raum. Nichts war zu hören, außer dem Summen der Klimanlage und der Serverlüftung. Langsam, ganz langsam nahm sie etwas wahr. Anfangs war es kein Geräusch, mehr als würde die Welt einen Augenblick stillstehen, den Atem anhalten, um dann in einem langen Seufzer das Leid Tausender von ihren Schultern lassen. Doch dies konnte nicht sein, es arbeiteten doch eh nur knapp 50 Personen im Büro.
Immer lauter wurde es, erst ein erstauntes Stöhnen, das anschwoll, bis der Chor der Stimmen wie eine Welle über ihr zusammenbrach. Menschen schrieen aus voller Lunge und jubelten. War das nicht „Ode an die Freude“ von Beethoven, die aus dem hinteren Teil des Büros leicht falsch, aber enthusiastisch angestimmt wurde, bis sie in ein Lalala überging. Und sangen dort nicht einige hohe Frauenstimmen die Internationale auf Chinesisch? Etwas irritiert sah sie ihre Assistentin kreischend nackt an den Glaswänden ihres Büros vorbeilaufen, gefolgt von drei hysterisch kichernden Sachbearbeitern im Schweinsgalopp.
Die Telefone im Büro begannen mit einem Male zu klingeln, selten hatte die Büro so viele interessierte Anrufe bekommen, die Nachricht schien auch in Beijing die Runde zu machen; nur ihres blieb still. Über die üblichen Computerausdünstungen legten sich nun das muffige Aroma chinesischen Schnapses, die frische Spritzigkeit französischen Champagners (waren beim letzten Ball nicht einige Flaschen abhanden gekommen?) und die herbe Würze uighurischen Marihuanas – natürlich hatte sie nie inhaliert. Imzwischen kam das nackte Quartett wieder vorbeigerannt, diesmal liefen die Herren vorne.
Mit einem Male bekam sie eine Vorstellung, wie sich die Bushs im Weißen Haus gefüllt haben müssen, als Amerika am Abend nach der Wahl seinen neuen Präsidenten feierte.
Über Beijing stiegen die ersten Feuerwerksraketen in den Himmel.
(… solche Geschichten entstehen, wenn man nach einer harten Woche mit einem Kollegen bei Gongbaojiding und zwei Glas Bier ins Schwärmen gerät. )
Hallo Timm,
ich kann mir ja so gar nicht vorstellen, von wem da die Rede ist… :-))
LG, Ricarda
Hallo nochmal,
sag mal, wie war für Dich eigentlich der Jahrestag des Studentenaufstandes auf dem Platz des himmlichen Friedens? Bei uns hieß es, dass der Platz weiträumig abgesperrt, die Polizei + Armee sehr präsent, Internet- und Fernsehsendungen gesperrt waren und viele unter Hausarrest gestellt wurden. Da war doch bestimmt eine einigermaßen angespannte Stimmung in der Stadt, oder?
LG, Ricarda
Hallo Ricarda,
hätte daran denken und zu dem Termin einen Kommentar auf den Blog stellen sollen. Doch um ehrlich zu sein, hat man in BJ gar nichts gemerkt! Als ich morgens das Haus verließ, strahlte die Sonne warm vom Himmel und ich fragte mich, wie es wohl vor 20 jahren gewesen ist. Doch lief das Leben auf der Straße ab wie eh und je.
Auf der Abteilungssitzung kam das Thema kurz auf, doch hatte niemand irgendetwas von Unruhen oder ähnlichem gehört. Ich hatte mich am Morgen nur gefreut, mir einige Videoreportagen zu diesem Thema auf spiegel.online zu sehen und daß die Bio von Zhao Ziyang veröffentlicht wurde. Er war damals als Generalsekretär der KPCh auf den Platz zu den Studenten gekommen und hatte um Verzeihung gebeten. Kurze Zeit darauf wurde er bis zu seinem Tode 2005 in der Nähe der Pekinger Haupteinkaufsstraße unter Hausarrest gestellt und die Panzer rollten.
Übrigens, das vielzitierte Massaker auf dem Platz hat es nach den letzten Erkenntnissen nie gegeben. Doch stellten sich viele Bürger Beijing an den großen Verkehrskreuzungen im Zentrum der Stadt den vorrückenden Soldaten entgegen. Dort floß in den frühen Morgenstunden viel Blut.
Ich werde bei nächster Gelegenheit mal den einen oder anderen Chinesen der jüngeren Generation fragen, welche Meinung sie zu dem Thema haben.