Timm und kein Struppi – Auf der Schönheitswahl (2)

Auf der Bühne tanzten Dutzende von Mädchen um die 20 in knappen Bikinis zu Discobeats und räkelten lasziv ihre schlanken Körper. Schweiß lief mir den Nacken hinab. „Wow, wie unglaublich heiß!“, dachte ich und lockerte den Knoten der bereits feuchten Krawatte. Meine Hitzewallungen waren aber nicht durch die auftretenden Damen begründet, sondern mehr durch die Tatsache, daß die Sporthalle in Daqing mit ihren rund 1.000 Besuchern keine Klimaanlage hatte und es in der ersten Reihe durch die Strahler und Pyrotechnik am Bühnenrand ausgesprochen warm wurde.

In Harbin angekommen hatte niemand gewartet, um uns in Empfang zu nehmen. Nach einem Telefonat fanden sich dann doch zwei junge Menschen, die uns mitteilten, es würde sofort per Wagen nach Daqing gehen, doch sei der Fahrer nicht zu erreichen. Dann tauchte der Fahrer doch auf, worauf es aber hieß, wir wollten noch auf weitere Gäste warten, die in zwei Stunden gegen 14 Uhr am Flughafen ankämen. Also setzten wir uns in ein Café, um gegen 13.45 Uhr mitgeteilt zu bekommen, es ginge nun doch los – ohne die anderen. Das ist in etwa das, was in den vielen Lehrbüchern „Chinesische Planung“ genannt wird.

Nach zwei Stunden Fahrt durch Heilongjiang, das man sich in etwa wie Dithmarschen vorstelle muß, nur 1000 mal größer (sehr grün, sehr flach), erreichten wir ein großes Hotel inmitten von „Wetlands“. Zwar zeigte ein gewaltiges Banner mit den Porträt der schönen Damen am Hotel an, das wir uns am richtigen Platz befanden, doch am Empfang kannte uns niemand. So hieß es wieder warten, telefonieren und Geduld zeigen oder das Spielchen „Freundlicher Ausländer, unfreundlicher Ausländer“ spielen, damit sich irgendetwas tat. Doch dann tauchte SunnyŽs Freundin auf und wir bekamen unsere Zimmer.

Über einen langen roten Teppich, an dessen Rändern Zuschauer, Journalisten und bestellte Fahnenträger standen, war ich mit einer der Schönheitsköniginnen einmarschiert, hatte im Blitzlichtgewitter meine Unterschrift auf eine große Tafel gesetzt (die wahrscheinlich bereits zu Packkartons recycelt wurde) und meinen Weg in die Halle gefunden.

Die Organisatorin ließ sich bei uns kaum blicken und eine Assistentin erklärte uns während der Show, dass wir Punkte zu geben hätten, wann die Zettel eingesammelt werden und kurz vor Ende, dass wir auf der Bühne die Plätze 4 und 5 anzukündigen hätten. Es war also recht chaotisch und dennoch eine Gaudi.

Natürlich schauten die meisten der jungen Mädchen auf der Bühne sehr gut aus und liefen mehr oder weniger gekonnt über die Bretter, die die Welt bedeuten. Erst traten sie in landestypischen Kostümen auf, die so aussahen, wie sich der kleine Fritz und Wang halt landestypische Kostüme vorstellen, dann in Bikini, wieder in Bikini und noch mal in Bikini (oder es waren ständig andere Mädchen – irgendwann verliert man da als Jurymitglied dann doch den Überblick… 😉 ) und abschließend in Abendgarderobe.

Ob die von uns abgegebenen Punkte wirklich eine Rolle spielten, kann ich nicht wirklich einschätzen. Aber da in Daqing zumindest eine andere Dame gewann als bei meinem ersten Besuch der Show in Beijing, scheint sich zumindest das Programm geändert zu haben.

Nachdem alles vorbei war, trafen sich die Teilnehmer, Organisatoren und Vorzeigeausländer dann im Hotel beim Buffet. Hatten 90 Prozent der Damen auf der Bühne noch überaus gut ausgesehen, hatte ich im Speiseraum des Hotels mit einem Male Mühe, einige der Mädchen wiederzuerkennen. Glichen sie während der Show noch unerreichbaren Schönheiten, hatten sie sich danach in nahbare Mädchen verwandelt. Mädchen, die in Gruppen bei einander saßen, gehäufte Teller vom Buffet in sich hineinschaufelten und sich über die Anstrengungen der Schönheitswahl ärgerten.

Die große Erkenntnis der beiden Tage war, dass Schönheit nicht an der Oberfläche von Menschen liegt. Dort findet man eher Makeup, falsche Wimpern, bronzener Körperfarbe und ausgestopften Körbchen. Selbst die thailändische Siegerin von 2006 trug braune Kontaktlinsen, um ihre ihre eh schon dunklen Augen noch tiefer zu machen.  Aber das ist es ja schließlich, worum es in diesen Shows geht. Dabeigewesen, erlebt und erledigt.

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Eine Antwort zu Timm und kein Struppi – Auf der Schönheitswahl (2)

  1. Gast sagt:

    was fuer ein erlebnis…
    gibt es auch so eine Beauty Auswahl in Deutschland?
    Schade niemand fragt mich ob ich Jury sein moechte…

    lg,wenting

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