… scheint ein anderes Bedürfnis für Sicherheit zu haben, als der Durchschnittsdeutsche (wenn dieser denn irgendwo existiert).
Vor einigen Monaten fuhr ich mit einer Delegation durch Beijing als sich einer der Abgeordneten in seinem Bussitz zu mir umdrehte und fragte, warum vor zahlreichen Wohnungsfenstern Gitterkäfige zu sehen seien. Ob Beijing denn so ein krimineller und unsicherer Ort sei. Dies verneinte ich sofort, da man sich in Beijing zu zahlreichen Tages- und Nachtzeiten absolut gefahrlos bewegen kann. Aber warum dann die vielen Fenstergitter?
Da mir keine Erklärung hierzu einfiel, stellte ich die Frage einem Kollegen, der mit einer Chinesin verheiratet ist. Sein Ansatz liegt im in der Literatur über China oft zitierten Prinzip des Innen und Außen, was man in Beijing in der Architektur der Hofhäuser und auch des Kaiserpalates, der Verbotenen Stadt wiederfindet. Chinesen, so mein Kollege Christoph, stehen allem von Außen kommenden und somit auch nicht zur Familie gehörenden Personen eine große Portion Argwohn entgegen. Die Familie, das Innere oder die jeweils als solche angesehene Gruppe, hält zusammen und wird geschützt. Außenseiter sind ein potentieller Unsicherheitsfaktor. Dies erlebt man auch im Gespräch mit Beijinger, die häufig die Nicht-Beijinger für das Übel in der Stadt verantwortlich machen. … und so bauen viele Bürger Sicherheitskäfige vor ihre Fenster.
Seine Schwiegereltern könnten zudem nur schwer verstehen, wieso die beiden nur zu zweit auf Reisen gehen wollten. Es sei deutlich besser, in einer Reisegruppe auf Tour zu gehen. Nur nicht alleine. Nachdem mein Kollege und seine Frau die beiden davon überzeugt hatten, daß es ein zu kalkulierendes Risiko sei, nicht in einer Gruppe auf Reisen zu gehen, baten sie darum, zumindest das Handy immer an zu lassen. Damit sie immer zu erreichen seien.
Während der Oktoberfeiertage machte Nathalie mit einer chinesischen Freundin einen Ausflug zur Großen Mauer, wo sie in einem kleinen Dorf bei der Tante von Avis übernachteten. Am nächsten Morgen ging es hoch zur Mauer auf der sie ein Stück wanderten. Avis genoß das Wetter und die Aussicht und sagte plötzlich, sie wolle nun über ihr Handy Musik hören. Nathalie fragte verwundert, wieso sie mitten in der Natur Musik hören wolle. Europäer würden eehr die Stile genießen wollen. Worauf Avis nach kurzem Nachdenken meinte, sie wolle etwas bekanntes um sich haben. Das gebe ihr Sicherheit.
Welche Faktoren bestimmen das persönliche Sicherheitsgefühl? Sind es nur die Erziehung der Eltern und später die Medien? Wieso scheinen die Menschen in China so viel mehr Angst außerhalb ihrer gewohnten Umgebung zu haben, als Europäer zum Beispiel? Bisher hatte ich nicht den Eindruck, die chinesische Regierung würde seinen Bürgern eintrichtern, es sei überall gefährlich. Oder ist die chinesische Seele in diesem Falle auch wieder historisch konditioniert?