Mit 18 Chinesen durch Deutschland…

…reisten eine AHK-Kollegin und ich in den letzten zwei Wochen zum Thema Energieeffizienz in Gebäuden.

Sinn der Reise war es chinesischen Unternehmern und Entscheidern (!) aus der Baubranche deutsche Produkte und Technologien vorzustellen, mit denen Energie beim Gebäudebau eingespart werden kann,  sowie die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen zu stärken. (Klingt wie aus einem offiziellen Text, ist es auch. Oder zumindest habe ich dies so oft geschrieben oder gelesen).

Die Reise begann in Hamburg und verlief über Hildesheim, Hannover, Kassel, Iphofen,  Mannheim, Heidelberg, Würzburg, München und Lohr bei Frankfurt a.M. bis zum Frankfurter Flughafen.

Auch wenn die Fragebögen an die jeweiligen Teilnehmer der Reise noch nicht ausgefüllt sind, denke ich, dass die zwei Wochen in Deutschland ein Erfolg waren. Entgegen aller Geschichten, dass Chinesen solche Dienstreisen gerne zum Anlaß nehmen, sich eher Land und Leute anzusehen, als sich mit Fachthemen zu beschäftigen, nahmen unsere Teilnehmer stets an allen Vorträgen aktiv teil und stellten viele, sehr kritische Fragen zu den einzelnen Themen. Meist mussten wir die Gespräche abbrechen, da die dafür vorgesehene Zeit überzogen wurde. Die rege Teilnahme ist sicherlich auch dadurch begründet, dass wir bei der Auswahl der Teilnehmer, die sich aus Ingenieuren, Unternehmern, Vertretern chinesischer Forschungsinstitute sowie einer Handvoll Beamter zusammensetzte, von chinesischer Seite unterstützt worden waren und somit engagierte Vertreter bekamen.

Neben etlichen Vorstellungen deutscher Unternehmen hörten wir unter anderem Fachvorträge zum Thema Gebäudeenergieeffizienz im Zentrum für umweltbewusstes Bauen (ZUB) in Kassel und im Fraunhofer Institut in Holzkirchen. In Hamburg schauten wir uns den Berliner Bogen an, wie das halbrunde Glasgebäude am Berliner Tor genannt wird. Wie ich nun erfuhr, wird die Rauminnentemperatur durch ein Netz von Wasserleitungen konstant gehalten, das in Decken und Böden einbetoniert wurde. Im Sommer fließt kaltes, im Winter warmes Wasser durch die Röhren und kühlt, bzw. erwärmt somit den umliegenden Beton. Das wird im Fachdeutsch als Bauteilaktivierung bezeichnet. Wird es im Sommer zu heiß, kann zusätzlich Frischluft eingelassen werden. Alles sehr faszinierend, doch hatte ich zu meinen Hamburger Zeiten Kontakt zu jemandem, der dort arbeitet und über die hohen Temperaturen im Sommer und die Kälte im Winter klagte.

Nachdem wir den ersten Abend im „Ni Hao“ in Hamburg begannen (das Restaurant hat übrigens am Ende der Reise viel Lob für sein Küche geerntet, da es dort – so die chinesischen Reisenden- besonders chinesisch schmeckte), folgten Tage mit Schnitzel mit Champignons, Grillteller und Haxe. Dabei servierten deutsche Unternehmer oft authentische lokale Gerichte. Alles wurde brav und nach chinesischer Art gegessen, doch als es dann in Heidelberg hieß, wir würden wieder von einer deutschen Firma in eine Gaststätte mit lokalen Spezialitäten geladen, entstand leichte Unruhe in der Gruppe. Zum einen weil man wusste, welches Essen es wohl wieder geben würde, zum anderen war man es gewohnt, maximal bis 21 Uhr zu essen und schlagartig aufzustehen, sobald die Teller geleert waren. (Dies hing nicht unbedingt mit Müdigkeit zusammen, da oft man sich oft noch am Abend auf dem Hotelzimmer traf.) Zwar konnten wir den Termin mit der Firma selbst absagen, doch mussten wir wegen durch eine Reservierung angefallenen Kosten dann doch hin. Es wurde aber dennoch ein netter Abend und am nächsten Tag gab es dann Chinesisch.

Sicherlich ist es zu verstehen, dass deutsches Essen für jemanden, der nur chinesische Küche gewohnt ist, schwer zu verdauen ist. Auch ich konnte irgendwann die fleischlastigen Gerichte, zu denen wir eingeladen wurden, nicht mehr sehen. Alle aufgetischten Gerichte wurden in Konsistenz, Zubereitung und Geschmack mit bekanntem aus China verglichen und meist als weniger wohlschmeckend bewertet. Abgesehen vom Bier. Aus gut unterrichteter Quelle ist mir natürlich bekannt, dass es die gleiche Haltung auch zu Genüge unter unseren Landsmännern und – frauen gibt. Doch merke ich daran wieder, dass eine Form von Offenheit und Neugierde den Speisen anderer Länder gegenüber in China kaum vorhanden ist. Kein Wunder, das Land hat sich erst vor 30 Jahren dem Westen geöffnet, die wenigen westlichen Restaurants, die es hier gibt kochen ja meist auch nicht richtig westlich und können natürlich auch nicht den Geschmack eines ganzen Volkes beeinflussen, und zudem bereisen chinesische Touristen ja erst seit kurzem die Welt. Auch einige der chinesischen Teilnehmer dieser Reise waren zum ersten Mal im Ausland. Auf jeden Fall gibt es hier eine Menge Potential für interkulturelles Training in Sachen Benehmen, da es meist bis auf wenige Ausnahmen an der richtigen Benutzung von Messer und Gabel sowie Verhalten im Restaurant (Stichwort Lautstärke) mangelte. Wichtig: Auch wenn ich mich über diese Dinge wundere und es nicht immer schön war, mit Suppe schlürfenden und schmatzenden Menschen an einem Tisch zu sitzen, verstehe ich die Gründe. Aber nur weil ich es verstehe, muss es mir ja nicht gefallen. Es ist klar, dass es dies ebenso in deutschen Restaurants geschehen kann, ohne Chinesen dabei zu haben. Oder?

Während ich zögerte, den deutschen Ausverkauf und einen Besuch in einem Outlet-Dorf bei Frankfurt zu nutzen, mich mit neuen Anzügen und Klamotten einzudecken, ergriff die chinesische Seite die Chance, einkaufen zu gehen. Meist waren sie auf der Suche nach einfach zu transportierenden Produkten deutscher Edelmarken, schauten aber vergeblich bei Uhren, bei denen die meisten aus der Schweiz und Wecker von Glashütte dann doch zu teuer waren. Viele nahmen Schmuck von Swarowski mit – kommt das denn überhaupt aus Deutschland? – Anzüge von Boss und deckten sich zum Teil noch am duty-free-Shop am Flughafen mit Kosmetika im Wert von 600 Euro ein. (Eine Kollegin an der AHK klärte mich dazu am Freitag noch auf, dass die Preise hier in China höher lägen als bei uns in Deutschland.) Ein junger Unternehmen aus Shanghai, der im Bereich der Gebäudesanierung tätig ist, kaufte so viel, dass er das Limit seiner Kreditkarte überzog und sich dann bei Kollegen mit Bargeld eindecken musste. Zu meiner größten Überraschung fand Schokolade regen Zuspruch, egal, ob nun von Lindt, Niederegger oder Sarotti (man bemerke, dass ich die Schweizer Marke an erste Stelle geschrieben habe
 😉 ). Normalerweise essen Chinesen wenig Schokolade, da sie als zu süß empfunden wird. Auf meine Nachfrage erfuhr ich, dass die meisten dieser Dinge nicht für den Eigengebrauch, sondern als Mitbringsel gedacht seien. Das meiste werde verschenkt.

In Sachen Pünktlichkeit halte ich mich mit klugen Kommentaren lieber zurück, da die gesamte Gruppe am ersten Tag bereits im Bus saß, als ich als letzter – aber wie besprochen Punkt 8 Uhr – hinein stieg. Hier bewiesen sie wirklich große Disziplin, die nur zum Ende etwas nachließ. Mein persönlicher Favorit wurde Lao He, der prinzipiell als letzter zur Gruppe hinzukam. Das machte es mir leichter, einen Überblick zu haben. War Lao He nicht da, fehlten sicherlich noch weitere, stand er mit einer Zigarette vor dem Bus, saßen alle anderen bereits drin.

Dieser Beitrag wurde unter Arbeit veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Mit 18 Chinesen durch Deutschland…

  1. Christian sagt:

    Spannende Sache, war sicherlich eine stressige, aber auch sehr interessante Zeit. Und die Geschichte mit Herrn Lao finde ich schon klasse 🙂 .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert