Allein in XiŽan

Letzten Donnerstag erreichte uns eine Email, in der ein Maschinenhersteller aus Ostdeutschland uns darum bat, ihm für eine Geschäftsreise nach China einen Dolmetscher zur Seite zu stellen und ihm mit die Gewohnheiten des Landes vorzustellen. Es handele sich dabei um den Geschäftsbschluß mit einem neuen Kooperationspartner aus China.

Beim ersten Lesen hatte ich das Gefühl, daß es sich dabei um jemanden handele, der auf eine der zahlreichen unseriösen Anfragen aus China hereingefallen ist. Dabei schreiben dubiose chinesische Unternehmen Mittelständler in Deutschland an und geben vor, eine große Menge ihres Produktes importieren zu wollen. Meist wird dann darum gebeten, zu einem Kennenlernen oder zur Unterzeichnung des Vertrages nach China zu kommen. Hinzu kommt die Vereinbarung einer Qualitätsgarantiezahlung in Höhe von 5% oder 10% der Vertragssumme an den Käufer, die natürlich nach Erhalt der einwandfreien Güter wieder zurückgezahlt werde.

Nach einem langen Emailverkehr steigen viele Unternehmer dann in den Flieger, tragen große Hoffnungen im Herzen und die Eurozeichen in den Augen.  Im Land angekommen werden sie dann meist von einer mehrköpfigen Delegation empfangen, der Besuch von Büroräumen und Vertagsverhandlungen samt Zeichnung folgen, bis dann alle bei einem großen Bankett sitzen. Bei diesem wird dann dem Ausländer irgendwann eröffnet, daß es doch Sitte wäre, die Rechnung zu übernehmen. Manchmal soll es auch geschehen sein, daß die Gäste von mehreren Chinesen bedrängt dazu gezwungenwurden, für große Summen Zigaretten zu kaufen, oder andere Geschenke zu machen. Danach verschwindet die chinesische Delegation auf Nimmerwiedersehen und die Eurozeichen verwandeln sich in Fragezeichen plus Kosten, die bei mehreren tausend Euro liegen können.

Also rief ich bei dem Unternehmen an und fragte nach dem Herren, der mir die Email geschickt hatte. Ein Kollege sagte mir, er sei nicht da, so daß ich ihm meine Bedenken und die üblichen Warnzeichen für einen solchen Fall erläuterte, worauf es sehr still am anderen Ende wurde. „Aber Herr X ist doch bereits nach China abgeflogen“, schallte es mit einem Male aus dem Hörer.

Der gute Mann hatte am letzten Donnerstag eine Email an die AHK geschrieben und war dann Hals über Kopf nach China geeilt, gegen 12 Uhr in BJ gelandet und dann direkt nach XiŽan weitergeflogen. Also schickte ich dem Kollegen unser Standarddatenblatt und riet ihm, dies an den Handlungsreisenden weiterzuleiten.

Eine Stunde später rief ein recht zerknickter und kleinlauter Herr aus einem Hotel in XiŽan und fragte, was er machen solle. Hotel wechseln, die Chinesen nicht informieren und den nächsten Flieger aus der Stadt nehmen! Und so saß er dann allein in XiŽan, in dem er sich auch trotz der Terrakotta-Armeesoldaten nicht sehr sicher fühlte.

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