Am nächsten Morgen standen wir alle etwas müde zu Dritt in einem Zug Richtung Hangzhou, einer Stadt nicht weit von Shanghai entfernt, die für ihren großen See berühmt ist. Da wir die Tickets erst an diesem Tag gekauft hatten, waren nur noch Stehplätze vorhanden gewesen.
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Seit meiner Rückkehr nach Beijing hatte ich nur Dinge gesehen, die sich verändert haben und nicht mehr mit dem China zu vergleichen sind, das ich verließ; es sind ja auch viele Jahre vergangen. Beijing ist sauberer, moderner, organisierter und seine Menschen freundlicher und weltoffener als zuvor. Es ist leicht zu erkennen, wie sich das Land und seine Leute fortentwickelt haben. Doch fehlte mir immer das Gefühl, wirklich angekommen zu sein, das Kitzeln in der Brust, das ich früher beim Wandern durch die Straßen Beijings empfunden hatte, das Glücksgefühl, etwas so Andersartiges wie die chinesische Kultur mit all ihren Facetten erfahren zu dürfen und einen klitzekleinen Teil ihrer Entwicklung mitzuerleben. Nun war ich zwar wieder im Land, doch wollte sich das alte Gefühl einfach nicht einstellen.
Und mit einem Male stand ich in diesem Zug, der genauso aussah, wie vor neun Jahren, und fühlte mich großartig. Die Wände waren in einem leichten Grün gestrichen und schmutzig, auf den Bänken saßen Wanderarbeiter, von denen mich einige dezent anstarrten und auch die Servicedamen schoben dieselben schmalen, klappernden Wagen mit Snacks und Getränken durch die Waggons wie damals. Am Fenster zog eine Landschaft vorbei, wie ich sie noch von damals erinnerte. Nach vier Monaten in einem Land, das mir nur wenig vertraut vorkam, war ich in einem alten Eisenbahnwaggon mit einem Male in China angekommen.
Über den Tag wanderten wir um den Westsee, der wegen des Valentintages von sehr vielen Pärchen und Besuchern bevölkert wurde. An einer Stelle hatten sich viele Menschen versammelten und schauten zu, wie ein junger Mann seiner Freundin vor Publikum einen Blumenstrauß schenkte und sie aus diesem, zu seiner Überraschung einen Ring aus diesem zog und um seine Hand anhielt. Alles unter freiem Himmel mit Fernsehkameras und Moderator. Ganz verstanden habe ich es nicht, doch war es eine völlig neue Form von mir bisher unbekannter Romantik.
Als wir uns zu später Stunde wieder auf dem Bahnhof wiederfanden, traf mich der Schlag. Diesmal stand nicht derselbe Bummelzug aus der Vergangenheit am Bahnsteig, sondern ein nagelneuer chinesischer Schnellzug, der sich mit jedem ICE in Deutschland messen kann. Mit jeweils drei Sitzen auf jeder Seite der Waggons, einem durchgehenden Korridor und alles im blitzeblanken Zustand sausten wir in Chinas Gegenwart durch die Nacht und waren in weniger als einer Stunde wieder in Shanghai.
Ich fand es großartig und realisierte, was für mich den Kick und Reiz an China ausmacht: die großen Kontraste und Gegensätze, denen man auf engstem Raum und in kürzester Zeit begegnen kann, die Möglichkeit, morgens unter Wanderarbeitern stehend in eine Richtung zu fahren und sich abends auf der Gegenrichtung in einem Schnellzug in einen Sessel zu lümmeln und mit dem Sitznachbarn über die Auswirkungen der Finanzkrise auf China zu diskutieren, oder am Vormittag aus der Hoteltür zu fallen und auf 20 Metern an modernen, vielleicht leeren Restaurants, schlichten, dafür aber reich besuchten Garküchen, Arbeitern, die in ihren winzigen Läden mit schmutzigen Fingern Fahrradketten reparieren, jungen Männern in Anzügen und gestylten Damen auf dem Weg ins Büro vorbeizukommen und dabei zehn verschiedenen Gerüchen zu begegnen, bei denen man entweder stehenbleiben oder Reißaus nehmen möchte. Und das ist nur die eine Straßenseite einer Stadt in einer Provinz.
Ich bin in der chinesischen Seite meines Herzens ein überzeugter Beijinger und hätte nie gedacht, daß ich in Shanghai in China ankommen würde. Aber besser dort, als gar nicht. 🙂
Es wird Zeit, ein Fahrrad zu kaufen und Beijing wiederzuentdecken.
- Wenting und Yulu im Bus auf dem Weg zum Westsee
- An einem trüben Tag in Hangzhou
- Ich und der Westsee
- Yulu und Wenting




hi Timm, ich find das tolleste von deiner Erzaehlung liegt daran, dass du bereits vor 10 Jahren in China warst und nun bist du ja wie ein Spiegel, der die Aenderungen letzter Jahren in China reflektiert. Diese persoenliche Betrachtung finde ich spannend:)
Ausserdem.. vielen Dank fuer die Fotos. Die finde ich sehr schoen:ã
Dir nun einen schoenen Tag und schon mal schoenes WE!
Lg,Wenting
Hey Timm, ich habe das Ende des Textes noch mal gelesen, das ist ja gemein, warum koennte ein Beijinger nie darauf kommen, mal nach SH zu kommen?
Als eine SHerin war ich schon 4 oder 5 mal in BJ und kann mir gut vorstellen die Stadt irgendwann noch mal zu besuchen~~
lalalalala das ist der Unterschied~~~ : p
lg,wt
hi, Timm, ich verstehe heute ploetzlich, was du mit dem letzten Abschnitt „Ich bin in der chinesischen Seite meines Herzens ein überzeugter Beijinger und hätte nie gedacht, daß ich in Shanghai in China ankommen würde. Aber besser dort, als gar nicht.“ meist. Ich freue mich : P
das was ich am 06.03 geschrieben habe war total Misverstandnis: )
Lg,wenting